Biodiversität ist die «Lebensversicherung der Nation»

Januar 2026 - Michael Gerber

Auch dieses Jahr ist rasant gestartet. Dabei weiss man manchmal nicht mehr, wo einem der Kopf steht, bei all diesen sprunghaften Veränderungen. Feste Orientierungspunkte wurden gekippt. Gewissheiten mutwillig umgestossen. Zuvorderst ein amerikanischer Präsident, der die Berechenbarkeit und Stabilität von politischen Aktionen nicht für wichtig hält. Und der den Naturschutz als woken Gegenspieler der Wirtschaft sieht. Letzteres ist leider auch ein Phänomen, welches bei uns in der Schweiz zu sehen ist.

Das bedaure ich persönlich sehr, da ich mich selbst als Mann der Wirtschaft betrachte. Diese Polarisierung müsste nicht sein. Natur- und Artenschutz sind nicht linke Anliegen. Natur- und Artenschutz betrifft uns alle, egal wo wir politisch stehen. Und der Artenreichtum, das ist wahr, ist ein Reichtum, der uns allen zur Verfügung steht. Hierzu braucht es keine Umverteilung. Aber es braucht den Willen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu respektieren und danach auch zu handeln.

Zuvorderst erkannt hat das die «Mutter aller Vogelschutzvereine», die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) aus Grossbritannien. Beccy Speight, die seit 2019 an der Spitze der RSPB steht, hat die Strategie der Organisation bis 2026 grundlegend modernisiert. Ihr zentraler Ansatz ist die Überwindung des alten Gegensatzes zwischen Wirtschaftswachstum und Naturschutz. Sie vertritt die These, dass eine intakte Natur kein «nice-to-have» für gute Zeiten ist, sondern die fundamentale Basis für jede ökonomische Stabilität.

Unter ihrer Führung betont die RSPB, dass Ökosystemleistungen wie Bestäubung, natürlicher Hochwasserschutz und Kohlenstoffspeicherung messbare wirtschaftliche Werte darstellen. Speight bezeichnet die Biodiversität oft als die «Lebensversicherung der Nation», ohne die der langfristige Wohlstand nicht möglich ist. Damit spricht sie gezielt eine Sprache, die auch für das Finanzministerium und für Wirtschaftskreise nachvollziehbar ist. Gleichzeitig scheut sie die Konfrontation nicht, wenn politische Entscheidungen diese Grundlage gefährden. Im Jahr 2025 kritisierte sie etwa die Aufweichung von Umweltstandards im Baurecht als «ökonomischen Selbstmord auf Raten». Sie fordert, dass der Zustand der Natur in die nationalen Erfolgsrechnungen (BIP) einfliessen muss, statt ihn als externen Faktor zu ignorieren.

Dieser Kurs hat der RSPB 2026 eine neue Rolle als ernstzunehmender Akteur in der Wirtschaftspolitik verschafft. Speight nutzt dabei geschickt die enorme Mitgliederbasis von 1.2 Millionen Menschen, um Druck auf Abgeordnete aller Parteien auszuüben. Ihr Ziel ist es, den Naturschutz aus der «grünen Nische» zu holen und zum Kernbestandteil staatlicher Vorsorge zu machen.

Trotz massiver politischer Polarisierung in Grossbritannien hält sie an der parteipolitischen Neutralität fest, indem sie ihre Argumente konsequent auf wissenschaftliche Fakten und ökonomische Logik stützt. Dieser pragmatische, aber unnachgiebige Führungsstil hat dazu beigetragen, dass die RSPB heute weniger als Hobby-Verein für Vogelliebhaber, sondern mehr als einflussreicher Think-Tank für ökologische Infrastruktur wahrgenommen wird. Ungefähr so stelle ich mir unsere Birdlife-Organisation auch auf nationaler Ebene vor. Ob das der Geschäftsführer Raffael Ayé auch so sieht, könnt Ihr ihn gerne auch persönlich fragen. An der Veranstaltung vom 2. Februar 2026 folgt Ayé unserer Einladung nach Zumikon, um das erfolgreiche und wunderbare Steinkauzprojekt vorzustellen (mehr Informationen).

Was ich von ihm weiss, ist, dass er sehr ehrgeizige Ziele beim Mitgliederwachstum verfolgt. Gerne mache ich ihm hiermit den Gefallen und bitte Euch alle, vermehrt in Eurem Umkreis nach möglichen Mitgliedern zu suchen. Jedes Mitglied mehr ist eine weitere Stimme für die Natur und gibt uns bei politischen Fragen mehr Gewicht, auch auf lokaler Ebene.

Im Namen des Vorstandes wünsche ich allen ein neues Jahr, voller bereichernder Naturbeobachtungen und möglichst ohne Krankheiten. Seid sorgsam zu Euch.

Michael Gerber

Präsident NVMZ

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Tierschutz versus Artenschutz